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  Geschichte & Geschichten

Portugal blickt auf eine lange und stolze Vergangenheit zurück. Schon seit Mitte des 1. Jahrtausends v. Chr. gibt es enge Kontakte zwischen dem Gebiet des heutigen Portugal und den Ländern des Mittelmeeres. Um 139 v. Chr. unterwerfen die Römer den Volksstamm der Lusitanier und die Provinz Lusitanien wird dem Imperium Romanum einverleibt. Im 5. Jh. beenden Germanen die römische Herrschaft, Sweben und Westgoten erobern das Land. Ihnen folgen im 8. Jh. die Araber, die fünf Jahrhunderte lang den Süden des Landes prägen. Im Norden halten sich wechselnde christliche Reiche. 1139 nimmt Alfonso, der Sohn Heinrichs von Burgund, den Königstitel an. 1249 endet die Herrschaft der Mauren im Süden, 1288 wird die Universität Lissabon gegründet, die 20 Jahre später nach Coimbra verlegt wird. 1297 werden die Grenzen zwischen Kastilien und Portugal festgelegt. Schon 1308 beginnt die Jahrhunderte währende enge Verbindung mit England. 1385 übernehmen die Herrscher aus dem Hause Avis den Königstitel.

Mit der Eroberung von Ceuta 1415 beginnt Portugals große Zeit der Entdeckungen. Heinrich der Seefahrer, der jüngste Sohn König Johann I hat sich bei der Schlacht um Ceuta besonders ausgezeichnet und erhält von seinem königlichen Vater die Provinz Algarve zum Lehen. Er baut eine Flotte auf und gründet bei Sagres eine Seefahrerschule, an der alle zeitgenössischen Berichte und Erkenntnisse gesammelt werden. Zum höheren Ruhme Gottes und des portugiesischen Königreiches fördert er Entdeckungsreisen, auf denen zwischen 1419 und 1457 Madeira, die Azoren und die Kapverdischen Inseln entdeckt werden. 1498 erreicht Vasco da Gama als erster auf dem Seeweg Indien, 1500 entdeckt Pedro Alvares Cabral Brasilien.

In dieser Zeit erlebt Portugal eine künstlerische und literarische Blütezeit, welche heute noch die manuelinische Architektur und "Die Lusiaden" des Dichters Luis de Camões widerspiegeln.

Nachdem der Thron verwaist, gelangt 1580 Portugal in den Besitz Spaniens. Für Portugal beginnt eine bittere Zeit der Demütigung. 1640 zettelt der Herzog von Bragança erfolgreich einen Volksaufstand gegen Spanien an und wird zum König gekrönt: Johann IV. Erst 1668 aber erkennt Spanien die Unabhängigkeit des Landes an. Die englische Hilfe dabei führt zur Abhängigkeit von England.

Das 18. Jahrhundert wird erneut zu einer Blütezeit, an welcher der Minister Marques von Pombal wesentlichen Anteil hat. Er ist ein überragender Staatsmann und führt viele Reformen durch, vor allem bricht er die unselige Herrschaft der Jesuiten. Seine liberal merkantile Wirtschaftspolitk läßt Handel und Handwerk aufblühen. Er leitet auch den Wiederaufbau Lissabons nach dem verheerenden Erdbeben von 1755 und beauftragt den Grafen Wilhelm von Schaumburg-Lippe mit der Reorganisation des Heerwesens.

1807 besetzen die Franzosen unter Napoleon Portugal, das 1822 durch ein britisches Heer befreit wird. 1822 wird Portugal konstitutionelle Monarchie, Brasilien erlangt seine Unabhängigkeit. 1910 wird die Republik ausgerufen. In den nächsten 15 Jahren wechseln sich 44 Regierungen ab. Von 1926 bis 1974 ist Portugal ein ständisch-autoritärer Staat. 1933 erhält die zweite Republik eine Verfassung. Salazar als Ministerpräsident wird zum wichtigsten Mann der Diktatur (1932-1968), die nach seinem Tode in milderer Form vom neuen Präsidenten Caetano fortgeführt wird.

Im zweiten Weltkrieg bleibt Portugal neutral, 1949 tritt das Land der Nato bei.

Am 25. April 1974 bringt die "Revolution der Nelken" die Rückkehr zur Demokratie. 1976 tritt die neue Verfassung in Kraft. Die noch verbliebenen Kolonien erhalten nach und nach ihre Unabhängigkeit. Seit dem 1. Januar 1986 ist Portugal Mitglied der EG.


Der Moment der Wahrheit - der portugiesische Stierkampf

Es ist schon ein merkwürdiges Spektakel, aber es passt zu dem merkwürdigen kleinen Land am Ende Europas, wo die schönsten Lieder traurig sind und der gute Wein grün, wo man noch in Eselskarren unterwegs ist, obwohl die Mehrzahl der Autofahrer fährt, als wäre der Leibhaftige hinter ihnen her.

Der portugiesische Stierkampf erscheint zunächst als ein sinnloser Flirt mit dem Tod. Aber es steckt viel mehr dahinter. Er repräsentiert nationale Ehre, vergangene Grandeur, alte Tradition. Während vieles aus Portugals Vergangenheit dahinschwindet, scheint diese eine sich zu behaupten. Der Stierkampf hierzulande ist immer noch der gleiche, wie er vor 150 Jahren praktiziert wurde. Die Portugiesen führen "ihren" Stierkampf auf die Spiele von vor 3500 Jahren auf Kreta zurück, wo Ausgrabungen Friese zutage förderten, auf denen Jugendliche beiderlei Geschlechts über die Rücken von Stieren turnten. Damals mögen es religiöse Gründe für diese Spiele gewesen sein.

Belegt jedoch ist, dass die ersten Stierkämpfe hierzulande in der Region der Rinderzüchter und den angrenzenden Gegenden stattgefunden haben. Für eine erfolgreiche Zucht wurden gute Stiere gebraucht und um eben diese notwendigen Eigenschaften zu testen, fanden auf den Gütern und in den kleinen Dörfern die ersten solcher Testrunden statt, die sich im Lauf der Zeit zu Festtagen entwickelt haben. Bei diesen Gelegenheiten konnten sowohl die jugendlichen Hirten als auch die jüngeren Gutsherren ihre körperliche Fertigkeit und Überlegenheit zeigen und beweisen.

Heute werden die Stiere speziell für die Corrida gezüchtet. Hochhbeinig, mit mächtigem Nacken und weit ausladenden Hörnern, deren Spitzen für den Kampf gekappt und mit Leder umhüllt werden. Eine notwendige Massnahme in Anbetracht dessen, welchen Verlauf die Corrida nehmen kann.

Die portugiesischen Corridas haben nichts mit den blutrünstigen Arenen Spaniens zu tun und der Stier stirbt auch nicht im Ring - eher schon manchmal, aber selten, ein Stierkämpfer.

Eine kleine Band von Bläsern hat nicht nur die Aufgabe, Beginn und Ende der Corrida akustisch anzuzeigen, sie gibt den Stierkämpfern auch Hinweise auf das Verhalten des Tieres, ob es temperamentvoll oder eher von ruhigerem Naturell ist. Sie beobachten den Stier während er durch die Arena rast, aufgeputscht durch die ungewohnte Umgebung, den Lärm der Kapelle und des Publikums.

Ein weiterer Tusch kündigt den Cavalheiro an, einen Reiter im Habit eines Edelmannes des 18. Jahrhunderts: Seidene Reithosen, Spitzenhemd und Jabot, Samtrock und Dreispitz. Sein Pferd, meist aus der Lusitanier Zucht, häufig mit Araber-Blut, vollkommen in seinen Proportionen, klein, wendig, mit starkem Leib und flinken Beinen, mit edel geschwungenem Nacken und kleinem Kopf. Sie, Pferd und Reiter - nicht die Forcados - sind die Stars der Corrida. Sie sind auch die Einzigen, die am Ende der Corrida Geld sehen werden, nicht die Fussleute, meist junge Leute um die Zwanzig, die nur den Applaus für ihre Mutprobe ernten. Es bedarf keiner besonderen Phantasie sich vorzustellen, wie diese Rollen ursprünglich zwischen Gutsherren und Gesinde verteilt waren.

Die Corrida beginnt, Reiter und Pferd beginnen ihr Spiel mit dem Stier. Die Trompeten schmettern, der Bulle greift an, der Reiter galloppiert ihm entgegen. Kurz vor den angreifenden Hörnern schwingt das Pferd fast spielerisch zur Seite, der Cabalheiro beugt sich weit nach vorne und setzt mit einer eleganten Drehung seiner Handgelenke zwei Banderilhos - kurze Pfeile - in den Nacken des Tieres, wobei sich an deren Ende bunte Bänder entfalten.

Der Bulle ist nicht ernsthaft verletzt, der Stich entspricht einem Nadelstich auf der Haut eines Menschen, Hausfrauen haben ihn oft genug erfahren. Aber er ist ärgerlich, gereizt. Wütend wendet er sich, stürmt hinter Reiter und Pferd her. Dreimal noch reizen sie den Bullen, weitere Pfeile stecken in seinem Nacken. Das Tier hat nun das sinnlose Rasen aufgegeben, jetzt kennt er seinen Widersacher.

Und die eigentliche Corrida beginnt. Sie stehen sich gegenüber, das Rund der Arena zwischen ihnen. Sie werden auf einander zu rasen und wenn sie in der Mitte aufeinander treffen, darf es keinen Irrtum oder Fehler geben. Der Bulle schnaubt, er scharrt mit den Hufen. Die Trompeten schmettern, das Pferd tanzt im Rythmus der Musik , wirft den Kopf zurück, hebt die Vorderläufe im Takt, Reiter und Pferd dennoch voller Konzentration.

Und dann rasen sie plötzlich aufeinander zu, schneller und schneller, näher und näher. Mit leichtem Druck nimmt der Reiter das Pferd zur Seite, die Hörner wischen an seinen Flanken vorbei. Der Bulle wendet und attakiert erneut. Mit Leichtigkeit könnte das Pferd davongalloppieren, aber der Reiter hält es nur so weit auf Abstand, dass sein Schweif über die Hörner des nachfolgenden Bullen streicht. Wenn dieser schliesslich heftig schnaubend aufgibt, zügelt der Reiter sein Pferd und lüftet seinen Dreispitz zum Gruss, lässig mit dem Rücken zum Bullen, als wüsste er, dass dieser nun nicht mehr angreifen würde.

Die Kapelle gibt der "Pega", der Mannschaft, die den Stier nun mit ihrer Körperkraft bezwingen will, das Zeichen, dass der Stier jetzt für sie bereit sei. Der schwarze Bulle schnaubt, seine Hörner tief gesenkt, ein kleines Rinnsal von Blut tropft von seinem muskelbepackten Nacken. Der Anführer der "Forcados" steht ihm allein gegenüber, die Füsse fest auf dem Boden, die Fäuste in die Hüften gestemmt. Einen Schritt macht er auf den Stier zu, steht herausfordernd und dennoch leichtfüssig graziös Auge in Auge mit dem Bullen. Keine vier Meter entfernt von den Hörnern, auf die der Bulle ihn nehmen will!

Er erhebt sich auf die Zehenspitzen, sein Körper gestreckt wie eine Sehne. "Toro!" Ruft er, "he toro, komm toro!" Er hat keinen Degen, kein Cape, nur seinen Mut und die sieben Männer hinter ihm, die sich im selben Augenblick auf die beiden stürzen werden, in dem der Bulle den Mann auf die Hörner nehmen will.

Der Bulle greift an und der Mann klappt wie eine Stoffpuppe zwischen die Hörner. Ein Stöhnen geht durch die Menge. Aber der Mann hält die Hörner des Stieres fest umklammmert. Die Mannschaft wirft sich auf die Beiden und mit dem Gewicht ihrer Körper überwältigen sie den Bullen, der aufhört sich zu wehren. Ganz wesentlichen Anteil daran hat der "Repuxador", der sich mit seinem ganzen Gewicht an den Schwanz zu hängen und damit die Beweglichkeit des Stieres einzuschränken hat. Der Stier steht nun ganz ruhig. Die Männer lassen ab von ihm und entfernen sich eher beiläufig - nonchalant. Dies ist der Moment der Wahrheit im Portugiesischen Stierkampf!

Zum guten Schluss wird der Bulle von einer Horde Kühen ganz zahm und ruhig aus der Arena geleitet und kehrt auf seine Weidegründe zurück. Er wird je nach Verhalten im Ring zur Zucht oder z.w.V. bestimmt.
 
 
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